Gedanken zu Juni

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
(Monatsspruch Juni 2021, Apostelgeschichte 5 Vers 29)

 

Wir leben in Zeiten, in denen gefühlt jede/jeder etwas dazu zu sagen hat, wie unser Handeln und Tun und Reden „richtig“ ist. Die derzeitige Situation verunsichert viele Menschen, sie verlangt viel von uns allen ab. Da gibt es unzählige Tipps und unzählige Meinungen, wie wir mit dem, was diese Zeit uns abverlangt, umgehen sollen. Die Talkshows sind voll von Expert*innen und es gibt für jede Meinung Experten, so extrem sie auch sein mag. Die ganze Bandbreite ist abgedeckt. Das ist auch zunächst einmal gut so, weil es zeigt: Wir leben in einer funktionierenden Demokratie, in der verschiedene Meinungen ihren Platz bekommen und ausdiskutiert werden können.
Gefährlich wird es, wenn man den anderen nicht mehr zuhört, sich vielleicht auch zum Umdenken einladen lässt und kein Konsens mehr gefunden wird.
Es wird aber auch gefährlich, wenn der Chor der Stimmen so laut wird, dass man nicht mehr durchschaut, welche Möglichkeiten es gibt. Wenn man nicht mehr weiß, wie man reagieren soll auf das, was die Zeiten so bieten oder abverlangen.

In diesen lauten Gesang der Fachleute hinein lese und höre ich nun unseren Monatsspruch für den Juni 2021.

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
(Apg. 5,29)

Meine erste Reaktion: „Wie erfrischend!“
Denn obwohl diese Aussage ja sehr direktiv ist, so gibt sie mir eine Leitplanke oder, um beim Bild des Chores zu bleiben: den Dirigenten, der die Musik und den Takt vorgibt.
Es handelt sich bei unserem Satz um ein Bekenntnis der Apostel, die man mit Predigt- und Lehrverbot belegt hatte. Ihr Bekenntnis vor der höchsten Ratsversammlung in Jerusalem lautet kurzgefasst: Wir gehören und gehorchen dem, der Gottes Liebe und Gottes Gnade in Person ist: Jesus Christus. Und weil diese Liebe und Gnade Gottes allen Menschen gilt, darum können wir davon nicht schweigen. Mehr noch, das ist unsere Richtlinie, anhand derer wir reden und handeln.
Was heißt das aber nun konkret, für uns? Was will Gott, dem wir mehr gehorchen sollen und wollen als den Menschen?
Gehorsam gegenüber Gott meint: In Freiheit zu dem gehören zu wollen, der nicht will, dass Menschen verloren gehen in Selbstzerstörung, Egoismus, Lieblosigkeit, Hass, Gewalt, Einsamkeit und Mutlosigkeit. Für ein solches Leben haben wir von Gott auch ziemlich klare Anweisungen bekommen, zum Beispiel in den 10 Geboten.
Wie ein solches Leben aussieht, dafür haben wir das beste Beispiel, das wir uns denken können: Jesus Christus. Von seinem Tun und Handeln wird in der Bibel in Fülle erzählt. Zusammengefasst lässt es sich auf einen Satz bringen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18, Lukas 10,27).

Es geht also darum, seinen Mitmenschen und -geschöpfen in Liebe, Gerechtigkeit und Frieden zu begegnen und danach zu reden und zu handeln.
Das gilt nicht nur für diese besondere Zeit. Es gilt für alle Zeiten, in denen es um Fragen des Zusammenlebens und um Menschenleben geht.
Der Anspruch ist hoch! Und die (Kirchen-)Geschichte zeigt:  Hier kann es viel Missbrauch geben durch Zwang, Manipulation und blinden Gehorsam. Da helfen das Prüfen und Abwägen, wozu Gott uns auch einen gesunden Menschenverstand geschenkt hat. Dieser Verstand setzt die eigenen Bedürfnisse nicht über die des anderen, achtet die Meinung des Einzelnen und fördert die Gemeinschaft miteinander.
Wir sind mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet, der uns hilft, unsere Meinung zu bilden. Natürlich kann es passieren, dass wir im Dunkeln tappen. Dass wir nicht klar sehen, was jetzt gerade richtig ist. Dann müssen wir es schlicht wagen, unsere Meinung zu bilden.

Christinnen und Christen haben dann aber die stärkste Hilfe: das Gebet. Wir können uns mit unseren Unsicherheiten und Zweifeln an Gott wenden und ihm vertrauen, dass er unsere Schritte und unser Handeln auf den richtigen Weg lenkt. Dann führt uns der Respekt vor dem einzelnen Mitmenschen, die Wertschätzung der Gemeinschaft und vor allem das Vertrauen auf Gott zu Worten, die uns gegeben sind:

 

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz!

Verstehe mich und begreife, was ich denke!

Sieh doch, ob ich auf einem falschen Weg bin,

und führe mich auf dem Weg, der Zukunft hat! (Psalm 139, 23+24)

 

Erfrischend! Es gibt eine Richtlinie, die uns hilft, die Stimmen der Experten und Meinungsmacher zu sortieren und unsere Meinung zu bilden. Ich wünsche uns, dass wir so gerade in dieser Zeit miteinander leben und handeln können.

 

Viele Grüße von Pfarrerin Esther Immer