Rückenwind

Rückenwind ist super. Kürzlich fuhr ich mit dem Rad und hatte Rückenwind. Ohne große Mühe kam ich auf etwas über 40 km/h (ohne E-Motor). Es war fast wie fliegen. Das großartige war: Ich hatte den Eindruck, ich allein schaffe diese Geschwindigkeit. Nichts schien unmöglich zu sein.

Natürlich gibt es auch die anderen Tage mit Gegenwind. Das fühlt sich ganz anders an. Trotz aller Anstrengung scheint sich nichts zu bewegen. Alle Kraft ist verschwunden, die Beine sind wie Pudding und die Motivation auf dem Nullpunkt.

Wenn ich mir diese Eindrücke mit etwas Distanz betrachte, scheint mir die persönliche Leistung im Gegensatz zu meinem Empfinden zu stehen. Denn sich dem Gegenwind entgegen zu stemmen und durchzuhalten verlangt sehr viel mehr, als mit Rückenwind die Fahrt zu genießen. Seltsamerweise kann ich anderen eher mit der Geschwindigkeit imponieren als mit dem Durchhaltevermögen.

In den übrigen Lebensbereichen scheint es ähnlich zu sein. Meine Ausbildung, gute Beziehungen, mein Glaube, eine freiheitliche Gesellschaft, Gesundheit und eine feste Stelle und vieles mehr gibt mir im Leben Rückenwind. Vieles davon nehme ich als selbstverständlich wahr. Ich nehme mir etwas vor, arbeite mit tollen Leuten zusammen, das Umfeld stimmt und wir können schnell überzeugende Ergebnisse liefern. Ich bin stolz auf meine Leistung. Ein anderes Mal entstehen Missverständnisse, es bildet sich Widerstand, nichts will auf Anhieb funktionieren und immer wieder muss ich neu nachlegen, ändern, reden. Die Zeit läuft davon. Ich fühle mich überfordert und stehe kurz davor, die Brocken hinzuschmeißen. Es ist schon erstaunlich, welchen Einfluss solche Eindrücke haben und mich mit mir selbst zufrieden oder unzufrieden sein lassen. Sie wirken Identität stiftend oder desorientierend.

Elia, der in den frühen Jahren von Israel lebte, machte in diesem Auf und Ab des Lebens eine besondere Erfahrung mit Gott. Er begegnete, nach einem Tiefpunkt seines Lebens, Gott in der Stille. Gott fragt ihn: Warum bist du hier, wieso bist du an diesem Punkt in deinem Leben angelangt?

In der Stille, wenn die Phänomene des Lebens mich nicht erreichen, wenn ich ‚ich selbst‘ bin, fragt mich Gott: Was machst du da eigentlich? Immer mal wieder finde ich solche Momente der Stille – das fühlt sich nicht sonderlich spektakulär an. Aber ich besinne mich, komme zur Ruhe, bin nicht mehr der vom Erfolg oder Misserfolg Getriebene. Diese kurzen Zeiten machen mich zu keinem anderen Menschen, aber ich schöpfe daraus Kraft und Orientierung. Was ist mir wichtig? Der innere Kompass wird wieder kalibriert (geeicht). Das „Getriebensein“ fällt ab, der Blick wird klarer und mir fällt es leichter zu sehen, welcher nächste Schritt Sinn macht.

Wenn die Phänomene des Lebens wieder einmal auf Sie einprasseln, wünsche ich Ihnen Momente der Stille, einen neu kalibrierten Kompass, um sich selbst nicht zu verlieren. Dann gelingt auch der nächste gute Schritt.

AF