Gedanken bei einer Radtour

Ein Radfahrer fährt am Rheindamm vor mir her. Wir steuern auf eine Weggabelung zu. Der eine Weg führt zur Straße, auf der es kürzer ist, der Weg glatter und damit einfacher und schneller vorwärts geht. Der andere Abzweig führt auf dem Damm über einen Holperweg mühsam zwischen Passanten durch weiter. Irgendwo begegnen sich beide Wege wieder. Vernünftig ist es also …

Was ist vernünftig? Mir begegnet die Formulierung oft, wenn es scheinbar keine Alternative gibt. Eine Diskussion ist damit beendet. Andererseits könnte diese gerade anfangen, denn der Begriff „vernünftig“ verschleiert, welche Kriterien für eine Entscheidung eine Rolle spielen.

Mir fallen Lot und Abram ein. Beide zogen zusammen mit Ihren großen Familien und Herden als Nomaden durch die Lande. Eines Tages kamen sie auf ihrem Weg an einen Punkt, an dem sie merkten, so geht es nicht mehr weiter. Ständig kam es zwischen den Clans zu Schwierigkeiten, Streit und Unfrieden. Die Landschaft lud ein, eine Entscheidung zu treffen und sich zu trennen. Abram überließ Lot die Entscheidung. Nach kurzer Aussprache entschied sich Lot für die Sesshaftigkeit, während Abram weiter beim Nomadenleben blieb. Ihre Wege trennten sich.

Oft habe ich in den Auslegungen zu dieser Geschichte gehört, dass Abram die bessere Entscheidung getroffen hätte. Ich bin mir nicht sicher, ob es gut ist, so zu werten. Die Lebensgeschichten der Beiden entwickelten sich danach sehr stark auseinander. Jeder hatte mit den Konsequenzen aus seiner Entscheidung zu tun. Manches gelang gut, anderes auch nicht. Darüber zu urteilen, welche Entscheidung die richtige war, halte ich daher für schwierig. Und viele Jahre später sind die Nachkommen von Abram, das Volk Israel, ebenfalls sesshaft geworden. Mir scheint wichtiger zu sein, dass jeder für sich klar war, bei sich war. Sie trafen Entscheidungen, von denen sie ausgingen, diese würden ihren Hoffnungen und ihnen selbst am ehesten entsprechen. Und den jeweiligen Weg gingen sie mit Gottvertrauen.

In dieser Situation beeindruckt mich Abram. Gottvertrauen war für ihn kein Sonntagsspruch. In dieser existentiellen Situation stand für beide Clans viel auf dem Spiel. Ich staune, wie sich Abram von dem Druck frei machen konnte, das Beste für seinen Clan herausholen zu wollen. Indem er Lot die Entscheidung überließ, vertraute er gleichzeitig Gott auf einen guten weiteren Weg. War das vernünftig?

Auf der Fahrradroute entschied ich mich für den holprigen Weg. Er führte auf dem Damm weiter und bot die schönere Aussicht.

Ich wünsche Ihnen, bei großen und kleinen Entscheidungen bei sich selbst zu bleiben. Möge es Ihnen leichtfallen, mit Gottvertrauen Entscheidungen zu treffen, bei denen Sie mit sich selbst im Reinen sind.

AF